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REISEMEDIZIN oder Vorbeugung und Impfungen für Reisende - September 2007 Interview mit Professor Robert Steffen, Verantwortlicher der Abteilung für übertragbare Krankheiten am Institut für Sozial- und Präventivmedizin in Zürich, Mitarbeiter der WHO sowie Autor von Tropimed®, professionelle Datenbank für Reisemedizin.
Tatsächlich sollten Reisende mit Destinationen in Entwicklungsländern schon relativ früh an Impfungen denken. Personen, die sich abseits der üblichen Touristenpfade bewegen oder die sich länger als einen Monat in Entwicklungsländern aufhalten werden, wird oftmals ein Impfschutz gegen die Hepatitis B oder auch gegen Tollwut empfohlen. Dazu sind zwei, respektive drei Injektionen erforderlich, der minimale Zeitbedarf beträgt 21 Tage. Auch die Schluckimpfung gegen Typhus benötigt Zeit: Je eine der drei Kapseln müssen in einem Abstand von zwei Tagen eingenommen werden (d.h. an den Tagen 1, 3, 5) und die volle Schutzwirkung besteht erst ab dem zehnten Tag nach der letzten Kapsel. Gerade wenn man bedenkt, dass Impfungen nicht ganz frei von Nebenwirkungen sind — sie können durchaus etwas Schmerzen bereiten, selten auch kurzzeitig leichtes Fieber — sollte man im Idealfall die Impfungen vier bis sechs Wochen vor einer Abreise durchführen lassen.
Weiterhin gilt eigentlich die alte Kolonialregel „boil it, cook it, peal it – or forget it“. Damit lässt sich das Risiko des Reisedurchfalls klar mindern. Beobachtungen allerdings zeigen, dass 98 % der Schweizer Reisenden den Versuchungen der leckeren Salatbuffets erliegen oder sie akzeptieren Eiswürfel in den Getränken, einige konsumieren gar in den Tropen rohe Austern oder ein Beefsteak Tatar. Tatsächlich, es macht oft nur wenig Spass, auf Vieles zu verzichten und sich lediglich Speisen zu bestellen, die mit einer Temperatur von mindestens 60 Grad serviert werden, bzw. sich nur Früchte zu bestellen, die man selbst schälen kann. Angesichts der Häufigkeit des Reisedurchfalls ist es gewiss angebracht, die Reiseapotheke entsprechend auszurüsten, wir werden später darauf zurückkommen. Es gibt aber auch weitere Bereiche, bei denen sich Reisende klug oder dumm verhalten können. Sonnenbaden resultiert in Sonnenbrand, gemäss Angaben mancher Reiseleiter sind nachfolgend viele Kunden dazu verdammt, einige Tage im Schatten des Hotelzimmers zu verbringen. Bei flüchtigen sexuellen Kontakten, v.a. mit Einheimischen, werden Geschlechtskrankheiten übertragen, nicht nur Tripper, sondern gelegentlich auch das HIV, welches bekanntlich zu Aids führt. Mücken können eine Vielzahl von Krankheiten übertragen, so v.a. nachts die Malaria und tagsüber das Dengue-Fieber. Es ist klar, dass deswegen Massnahmen gegen Mückenstiche zu treffen sind, v.a. sollte möglichst viel der Körperoberfläche durch Kleidung bedeckt sein, auf die unbedeckte Haut kann man ein Mücken abstossendes Mittel (Repellenz) auftragen. Die Socken oder andere Kleidungsteile besprüht man mit Vorteil mit einem Mückenabtötenden Mittel. Bezüglich des Überlebens ist es allerdings am wichtigsten, Unfälle zu vermeiden oder deren Folgen zu vermindern. Schwimm- und Strassenverkehrsunfälle fordern bei Schweizer Reisenden die Hälfte aller Todesfälle in der Dritten Welt. Dagegen lässt sich vorbeugen, indem man in den Autos Sicherheitsgurten trägt oder auf gemieteten Velos oder Motorfahrrädern konsequent einen Helm trägt. Am Badestrand soll man sich über mögliche Strömungen erkundigen.
Bei Reisen in Entwicklungsländer ist der Durchfall klar die allerhäufigste Gesundheitsstörung, bei Reisen nach Nordamerika oder innerhalb von Westeuropa ist dies hingegen die Verstopfung. Auch Erkältungskrankheiten, z.B. auch die Grippe, treten häufig auf. Im tropischen Afrika kommt es oft zu einer Übertragung der Malaria; dabei handelt es sich in über 90 % um die lebensbedrohliche Malaria tropica. Unter den Infektionen, die sich durch Impfungen verhindern lassen, sind eindeutig die Grippe, die Hepatitis A und die Hepatitis B auf den ersten drei Plätzen.
Nochmals sei betont, dass Schweizer in der Dritten Welt nicht primär an Infektionskrankheiten versterben, sondern an Verkehrs- oder Badeunfällen. Die Infektionskrankheiten lassen sich durch Impfungen oder vorbeugende Medikamente recht gut verhindern. Unter den Krankheiten, welche Reisende in Entwicklungsländern bedrohen, ist klar die Tollwut die gefährlichste; sofern Symptome ausbrechen, ist die Überlebenschance 0 %. Dagegen lässt sich allerdings vorbeugen, sei es durch drei Impfdosen vor der Abreise oder eine sofortige Behandlung in einem grossen medizinischen Zentrum so früh wie möglich nach dem Hundebiss oder einem anderen verdächtigen Tierkontakt. Häufig gefährlich ist gewiss auch die Malaria, rund 300 Fälle bei Schweizern werden jedes Jahr gemeldet, aber man schätzt, dass angesichts einer erheblichen Dunkelziffer rund 700 Schweizer jedes Jahr an Malaria erkranken. In der Schweiz treten jedes Jahr auch einige Todesfälle an Malaria auf, die Anzahl derer, die bereits im Ausland daran versterben ist unbekannt.
Jedem Reiserückkehrer, der nach einem Aufenthalt in einem Gebiet in dem Malaria vor kommt, an Fieber erkrankt, ist dringend empfohlen, innerhalb von 24 Stunden einen Arzt zu konsultieren, der mittels einer Blutprobe die Malariainfektion bestätigen oder verneinen muss. Auch bei anhaltendem Durchfall oder bei anderen Gesundheitsstörungen ist ein Arztbesuch angebracht. Es ist hingegen nicht nötig, nach jedem Tropenaufenthalt einen medizinischen Check-up durchzuführen, auch nicht nach längeren Aufenthalten.
Jawohl, die Reisemedizin ist interdisziplinär und betrifft nicht nur Tropenmedizin und Infektionskrankheiten. Man bedenke, dass viele Reisende in grosser Höhe Bergsteigen oder Trecken oder auch zu einem Tauchurlaub fahren. Naturgemäss kommt es hier zu anderen Belastungen des Organismus. Spezielle Personengruppen sind besonders gefährdet, denken wir z.B. an Schwangere, bei denen die Malaria besonders bedrohlich verläuft, an kleine Kinder, bei denen ein Durchfall schon innerhalb von wenigen Stunden den Körper dermassen austrocknet, dass sich auch hier die Situation gefährlich zuspitzt. Zu denken ist auch an Personen mit vorbestehenden Krankheiten, wie sie gerade bei Senioren häufig vorkommen oder an Personen, die z.B. eine angeborene Störung der Blutgerinnungen haben, welche auf Langstreckenflügen zu einer Thrombose führen kann.
Das Ziel der internationalen Gesundheitsverordnung ist es, die Verbreitung von Krankheiten auf Länder, in denen diese nicht vorkommen, zu verhindern oder mindestens dieses Risiko zu verringern. Die Gesundheit des einzelnen Reisenden, interessiert die Behörden der besuchten Länder — etwas provokativ formuliert — relativ wenig. Die Empfehlungen, wie sie z.B. die Schweizerische Arbeitsgruppe für Reisemedizin in Zusammenarbeit mit dem Bundesamt für Gesundheit formuliert, konzentrieren sich hingegen darauf, sämtlichen Reisenden alle Massnahmen aufzuzeigen, die zur Gesundheitserhaltung während eines Aufenthaltes in einem Gebiet mit besonderen Risiken führen. Unterschiede zwischen verschiedenen nationalen Empfehlungen resultieren daraus, dass nicht in jedem Land dieselben Medikamente, z.B. gegen Malaria, verfügbar sind.
Eine individuelle reisemedizinische Beratung ist unerlässlich, weil Reisende unterschiedliche Ziele haben und dort unterschiedliche medizinische Probleme auftreten können. Zudem unterscheiden sich auch die reisewilligen Personen: Eine Familie mit Kleinkindern oder ein Patient mit Diabetes benötigen naturgemäss andere Empfehlungen als ein Geschäftsmann, der für 48 Stunden in der Hauptstadt im Luxushotel Gespräche führen wird.
In den vergangenen zwei Jahren sind in der Schweiz immer wieder kleine Masernepidemien aufgetreten; zahlreiche Kinder und Erwachsene mussten deswegen hospitalisiert werden. Bei einzelnen kam es zu einer Enzephalitis, d.h. einer Entzündung des Hirns und leider erleiden einige dieser Patienten bleibende Schäden. Es hat sich gezeigt, dass die Masernviren, welche in der Schweiz im Detail analysiert worden sind, ganz überwiegend ausländischen Subtypen entsprechen, d.h. aus Asien, bzw. Afrika eingeschleppt worden waren. Aus diesem Grunde wird vermehrt darauf geachtet, dass alle Personen im Alter von weniger als 40 Jahren irgendwann in ihrem Leben zwei Impfdosen gegen Masern, Mumps und Röteln erhalten haben. Nur sekundär trägt man dem Willen der Weltgesundheitsorganisation Rechnung, die Masern auszurotten, primär geht es um den Schutz der Schweizer Bevölkerung, zumal die Masern jetzt häufiger bei Erwachsenen auftreten und in dieser Altersgruppe viel häufiger zu Komplikationen führt. 10. Frage Könnten Sie den Ärzten, die nicht auf Reisemedizin spezialisiert sind und sich mit diesem Gebiet weitgehender auseinandersetzen möchten, einen Ratschlag geben? In der Schweizer Ärzteschaft gibt es ganz unterschiedliche Spezialinteressen, bei weitem nicht jeder interessiert sich für die Reisemedizin. Bei Konsultationen mit reisemedizinischen Fragen haben diesbezüglich weniger belesene Kollegen die Möglichkeit, die Kunden an ein reisemedizinisches Zentrum oder zu einem Tropenarzt zu überweisen. Entsprechende Informationen stehen dem Medizinalpersonal auch unter Tropimed® zur Verfügung. Die speziell auf die Berufsgruppe der Mediziner und der Apotheker entwickelte Webseite wird laufend aktualisiert, so z.B. wenn neue Epidemien auftreten oder neue Erkenntnisse bezüglich Wirkungen und Nebenwirkungen von Medikamenten bekannt werden.
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